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Interview mit Maggie Stiefvater

Was hat Sie zu Nach dem Sommer inspiriert?

Ich würde jetzt gern sagen, dass ich durch meinen unerschütterlichen Glauben an die wahre Liebe dazu inspiriert wurde, Nach dem Sommer zu schreiben, aber die Wahrheit ist: Ich habe Nach dem Sommer geschrieben, weil ich Menschen gern zum Weinen bringe. Ich hatte gerade Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger zum zweiten Mal gelesen und zum zweiten Mal geweint. Dazu sollte ich sagen, dass ich bei Büchern normalerweise nicht weine. Ich würde sogar sagen, ich bin eine notorische Nichtweinerin. Wenn man „Schadenfreude“ bei Wikipedia nachschlägt, findet man ein Foto von mir mit einem hämischen Grinsen im Gesicht.
Dass dieses Buch mich nicht einmal, sondern sogar zweimal zum Weinen gebracht hat und nicht nur zum Weinen, sondern auch dazu, durchs Haus zu toben und dabei die sieben Phasen der Trauer zu durchleben, hat in mir den Wunsch ausgelöst, genau das bei anderen Leuten zu bewirken. Daher wollte ich mit Nach dem Sommer ein Buch schreiben, das den Lesern keine andere Wahl lässt, als Tag und Nacht zu lesen − am Frühstückstisch, unter dem Schreibtisch, unter der Bettdecke −, zu weinen, bis ihnen die Mascara übers Gesicht läuft, und mich zu verfluchen.


Haben Wölfe Sie schon immer fasziniert?

Eigentlich nicht Wölfe im Besonderen − ich war einfach schon immer verrückt nach Tieren. Als ich ein Kind war, verbrachte ich Stunden damit, diese Tiersendungen auf National Geographic anzuschauen. Und wenn meine Eltern mich mal aus dem Haus bekommen wollten, schickten sie mich einfach nach draußen und sagten mir, dass dort Tiere im Wald herumlaufen würden, die ich beobachten könnte. Deshalb war es toll, ein Buch zu schreiben, das so eine starke Verbindung zur Natur hat.


Was macht für Sie den Reiz aus, Romane für junge Erwachsene zu schreiben?

Was ich an Romanen für junge Erwachsene wirklich mag, ist, dass man die Beziehung zwischen Teenagern und ihren Eltern erkunden kann. Ich glaube wirklich, dass Kinder die Produkte ihrer Eltern sind. Man wird entweder ganz genauso wie sie oder man trifft bewusst die Entscheidung, nicht wie sie zu sein. Bei Sam wollte ich zeigen, wie es kam, dass er ein so sensibler und kreativer Mensch wurde. Deshalb habe ich Sams Adoptiveltern, Beck und dem Rudel, viel Raum gegeben. Sie sind alle sehr kreativ und unterstützen ihn. So wächst er in diesen liebevollen Verhältnissen auf und wird zu dem, der er ist. Grace auf der anderen Seite ist sehr unabhängig, und es genügt nicht einfach zu sagen, dass sie selbstständig ist, man muss auch zeigen, warum sie es ist. Ihre Eltern sind häufig einfach nicht da, also hat Grace sich hauptsächlich selbst erzogen.


Sie sind Künstlerin, Musikerin und Autorin. Was kam zuerst − Schreiben, Musik oder die Malerei?

Ich habe ungefähr zwei Jahre nach meinem College-Abschluss begonnen, als bildende Künstlerin zu arbeiten. Direkt nach der Uni hatte ich einen ganz normalen Bürojob und meine Kollegen waren wundervoll. Sie waren total nachsichtig und behandelten mich wie ein Maskottchen. Aber ich hielt diese Schreibtischarbeit nicht aus. Ich hasste sie einfach. Also ging ich eines Tages ins Büro und sagte: „Es tut mir leid, hier ist meine Kündigung, ich werde Künstlerin.“ Zu dem Zeitpunkt war ich allerdings noch keine besonders gute Malerin. Aber ich hatte mich einfach entschieden, dass das der Weg war, den ich gehen wollte. Und so schaute mein Chef mich an und sagte: „Nun, Maggie, wenn du deinen Job zurückhaben willst, wenn du nicht vom Malen leben kannst, dann komm jederzeit zurück.“ Und wissen Sie was, sogar in diesem ersten Jahr verdiente ich meinen Lebensunterhalt und ich habe nie zurückgeblickt. Meine Zeiten in einem Großraumbüro sind vorbei.


Da Kunst für Sie so wichtig ist, welche Bilder und Geräusche umgeben Sie, während Sie schreiben? Hören Sie Musik? Was haben Sie angehört, als Sie Nach dem Sommer geschrieben haben?

Wenn ich schreibe, muss unbedingt Musik im Hintergrund laufen. Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn ich keine Musik habe, die mich erdet. Sonst denke ich, während ich am Computer sitze, nur daran, dass ich meine Wäsche machen oder mit den Hunden spazieren gehen muss. Oder ich muss unbedingt etwas von dem Plätzchenteig essen, den ich gerade gemacht habe. Deswegen lasse ich Musik laufen, um meinen Hintern auf dem Stuhl zu halten. Es kann aber nicht jede Art von Musik sein. Es muss ein Soundtrack sein, den ich vorher während der Plot-Entwicklung ausgesucht habe. Der die Stimmung unterstreicht, die ich mit dem Buch erzeugen will. Und so war es bei Nach dem Sommer, als ich die Handlung entwickelte, der Song The Ocean von The Bravery, der mich am Anfang wirklich inspirierte.
Das ist dieser unglaublich traurige, bittersüße Song, der vom Verlust des Geliebten handelt. Ich habe auch verschiedene selbst zusammengestellte CDs gehört, auf der Snow Patrol und Joshua Radin waren sowie ein Haufen anderer Singer/Songwriter.


Kommen sich manchmal das Schreiben, das Malen und das Musikmachen in die Quere?

Als ich ein Teenager war, dachte ich, dass ich mich zwischen meinem Schreiben, der Musik oder der Kunst entscheiden müsste, aber es stellte sich heraus, dass ich alles davon tun kann, auch wenn ich hin und wieder ein wenig jonglieren muss. Manchmal ergänzen sich die Künste aber auch. Als ich Nach dem Sommer geschrieben habe, zeichnete ich sehr oft Wölfe und ich musste auch ein Musikstück zu dem Roman schreiben. Deshalb denke ich gern, dass es ist wie bei Die blinden Männer und der Elefant. Kennt irgendjemand das Gedicht noch? Das ist das, in dem ein Haufen blinder Männer jeweils einen anderen Teil vom Körper eines Elefanten befühlt und sie dann raten, welches Tier das sein könnte. Schließlich kommen sie zu dem Schluss, dass es ein Elefant ist. Ich glaube, dass es sich mit meinem Schreiben, meiner Musik und meiner Malerei genauso verhält, sie beschreiben alle verschiedenen Seiten des gleichen Tiers.


Dieses Interview wurde von Scholastic Inc. zur Verfügung gestellt. Alle Rechte vorbehalten.